Die Gesundheit liegt „in den Händen“ der Mikroorganismen

Durch Desinfektion verschwindet auch die Gesundheit

Dr. Yoshi Tanaka

Viele Menschen denken, eine Praxis sei ein sauberer Ort, aber das stimmt nicht. Wenn Patienten mit einer Erkältung oder Grippe husten, verbreiten sie damit abertausende von Viren. In einem Krankenhaus gibt es dazu auch noch resistente Bakterien. Reinräume, Intensivstation und die Krankenzimmer der hoch infektiösen Patienten ausgenommen, muss man eine Krankenanstalt für eine Brutstätte für Krankheitskeime halten. In der Fernsehwerbung wird immer wiederholt, dass Bakterien schmutzig und schädlich sind, also muss man sie entfernen und sich vor ihnen schützen. Viele Menschen sind so gehirngewaschen, dass sie dies glauben. Aber die Mikroorganismen stellen die größte Gruppe von Lebewesen auf dieser Erde dar und auch um uns herum hat sich eine unvorstellbar große Anzahl von Bakterienarten angesiedelt (ca. 1000 Billionen Bakterien pro Mensch / etwa 10 x mehr Mikroorganismen in und auf dem Menschen als der Mensch eigene Zellen hat). Sie sind so zahlreich in der Luft enthalten, dass wir bei einem einzigen Atemzug mehr als 50.000 Bakterien einatmen. Es ist völlig unmöglich, die Bakterien zu 100% aus unserem Alltagsleben zu verbannen. Noch dazu tötet eine Desinfektionsaktion sowohl die schädlichen als auch die guten Bakterien ab, obwohl wir letztere ja brauchen. Da wir mit den Bakterien auf unserer Haut und im Darm eine Symbiose bilden, schaden wir unserer Gesundheit, wenn wir Desinfektionsmittel einsetzen.

Schützende Bakterien umgeben uns

Der menschliche Körper ist leicht alkalisch, aber die Hautoberfläche ist leicht sauer. Das kommt daher, dass die Bakterien auf unserer Haut abgestorbene Hautzellen fressen und organische Säuren wie Milchsäure absondern. Diese Säure unterdrückt das Wachstum der schädlichen Bakterien. Wenn man also durch zu häufiges Baden und Waschen die Bakterien auf der Haut abtötet, wird die Haut leicht alkalisch und in dieser Umgebung können sich schädliche Bakterien leichter vermehren. (Es gibt Krankheiten, bei denen die Haut schimmelt, was auf eine Dominanz von schädlichen Bakterien auf der Haut zurückgeht.) Da die auf der Haut lebenden Bakterien für uns eine wichtige Barriere bilden, darf man sie nicht in zu großen Maßen wegspülen oder gar durch unnötige Desinfektion abtöten. Bei Frauen herrscht in der Scheide ebenfalls ein saures Milieu, dort siedeln sich Döderlein-Bakterien (eine Milchsäurebakterien-Art) an, die dort das saure Milieu aufrechterhalten und das Wachstum von schädlichen Bakterien verhindern. Doch durch die Verbreitung des Bidets hat die Anzahl der jungen Frauen zugenommen, die diese Bakterien zu häufig auswaschen, so den schädlichen Bakterien Tür und Tor öffnen und dadurch an Scheidenentzündung leiden.

Übermäßige Desinfektion führt zu resistenten Bakterien und Nahrungsmittelvergiftung

Wo kann man sich überall mit resistenten Bakterien und Coli-Bakterien anstecken? Meistens kommen resistente Bakterien in Krankenhäusern vor; eine Nahrungsmittelvergiftung zieht man sich leicht in Schulkantinen oder Restaurants zu. Das Vorkommen von Bakterien, die gegen Medikamente resistent sind, in Krankenhäusern hat eindeutig seine Ursache im übermäßigen Einsatz von Antibiotika in der Therapie. Eine Nahrungsmittelvergiftung geht meist auf gründliche „Hygienemaßnahmen“ zurück. Eines haben beide Phänomene gemeinsam: Desinfektion. Wenn fortlaufend mit chemischen Mitteln desinfiziert wird, vermehren sich genau die Bakterien, die in einem solchen Milieu überleben können. Das sind die klassischen resistenten Bakterien. Für einen lebenden Organismus, der die durch Antibiotika hervorgerufenen Krisen kennt und dadurch resistent wird, ist das nur natürlich. Auch die Desinfektion mit Chlor zur Vorbeugung vor Nahrungsmittelvergiftung führt zu immer stärkeren resistenten Stämmen. Resistente Bakterien sind fürchterlich, aber wenn man ihre Lebenskraft untersucht, so hängen ca. 70% mit der Resistenz zusammen – sie sind also eigentlich verhältnismäßig schwache Lebewesen. Auch das Coli-Bakterium, das im Darm lebt und giftige Substanzen ausscheidet, ist eigentlich ein schwaches Bakterium, das seine Kraft für die Absonderung von Giftstoffen aufwendet. Es wird bald zum Futter für die Gemeinschaft der guten Bakterien.

Wichtig ist, mit dem übermäßigen Einsatz von Chlor aufzuhören, die Einnahmezeit von Antibiotika auf ein Minimum zu beschränken und im Darm ein gutes Klima für die guten Bakterien zu schaffen. Ich habe noch nie gehört, dass die für die Gesundheit förderlichen Hefen und Milchsäurebakterien gegen Medikamente resistent wären. Wenn man also desinfiziert, reduziert man zwangsläufig auch die Bakterien, die schädliche dezimieren, und schafft ein Klima, in dem sich Krankheitskeime mit schwacher Lebenskraft (resistente Bakterien und Coli-Bakterien) wohl fühlen.

Krankheitskeime besiegen oder ihnen erliegen

Warum bekommen manche Menschen eine Lebensmittelvergiftung, andere aber nicht, obwohl sie dasselbe gegessen haben? Wer nicht krank wird, hat nicht einfach eine besondere Fähigkeit, die Keime abzutöten, sondern eine gesunde Darmflora (ein Ökosystem, in dem verschiedene Bakterien in Symbiose leben), in der die Vielzahl der guten Bakterien gegenüber den Krankheitskeimen in der Übermacht ist. Wer täglich durch den Verzehr von fermentierten Nahrungsmitteln gute Bakterien zu sich nimmt und an der Schaffung einer für die guten Bakterien förderlichen Umgebung im Darm arbeitet, wird nicht mehr von schädlichen Bakterien geplagt. Laut der Studien von Professor Hattori von der Tokyo Universität verhindert die Essigsäure, die eine bestimmte Art von Milchsäurebakterium (Lactobacillus bifidus) produziert, die Aufnahme des von den Coli-Bakterien ausgeschiedenen Giftes ins Blut. Deshalb: Wir sind den guten Bakterien in einem hohen Maße zu Dank verpflichtet.

Ein berühmter Krankheitskeim ist auch der sich im Magen tummelnde Helicobacter pylori. Man nimmt an, dass er Magenentzündung und Magenkrebs verursacht. Wird er entdeckt, ist seine Auslöschung oberste Priorität. Ist dieses Bakterium, das bereits 80% der Japaner in sich tragen, wirklich ein Krankheitserreger? H. pylori stellt nämlich das Eiweiß her, das den Befehl zur Reduzierung von Magensäure übermittelt, wenn der Magen übersäuert ist.

Dieses Eiweiß ist auch an der Entstehung von Magengeschwüren beteiligt, so dass man heute den Nachweis von H. pylori mit dem Vorhandensein eines Magengeschwürs gleichsetzt. Dabei ist doch die Frage, was der Auslöser für die übersäuerung des Magens ist! Die Wurzel des Übels liegt in der durch Stress ausgelösten Anspannung des Sympathikus (Teil des vegetativen Nervensystems). Deshalb sollte man es vor einer Ausrottung des H. pylori erst einmal mit der Auflösung von Stress und Entspannungstechniken probieren. Man nimmt auch an, dass H. pylori den Stoff herstellt, der den Appetit zügelt. Wenn man diese Bakterien also ausrotten würde, hätte der Mensch seinen Appetit nicht mehr unter Kontrolle, würde zu viel essen und dick werden.

Wenn wir uns überlegen, wie wir die Gesundheit fördern können, so ist meiner Ansicht nach der kürzeste Weg, dass wir vorbehaltlos die Hilfe der guten Bakterien annehmen. Mit fermentierten Nahrungsmitteln verschiedene Arten von guten Bakterien zu sich zu nehmen, die Darmflora zu pflegen und täglich einen guten Stuhlgang zu haben, gehört dazu. Jeder kann seine Gesundheit unterstützen, indem er einen Lebensstil pflegt, bei dem die Darmflora nicht durch häufige Einnahme von Antibiotika oder den Verzehr von Nahrungsmitteln voller Zusätze geschädigt wird, sondern die guten Bakterien dort überwiegen.

Dr. Yoshi Tanaka, Akanedai Klinik/Kanagawa (Bild oben)

Aus dem Japanischen von Dr. Monika Lubitz

Erschienen in dem japanischen Magazin Kenkô Seikatsu Sengen 17, 2012

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