Humus und Bodenleben, Teil 16: Resümee und Ergänzungen

Zum Schluss möchten wir unseren LeserInnen ein Résumé aller bisher erstellten Artikel innerhalb der Serie „Humus und Bodenleben“ präsentieren. In der Zwischenzeit haben sich einige Komplementärmaßnahmen ergeben, welche wir unseren interessierten LeserInnen nicht vorenthalten möchten. Vor allem möchten wir die Verwendung der Biokohle näher bringen. In diesem Zusammenhang sollen drei bis vier zusätzliche Artikel erscheinen. Anschließend soll das Buch unter demselben Titel aufgelegt werden. Sollten die interessierten LeserInnen mehr wissen wollen, sind wir gerne bereit, weitere Beiträge zu verfassen.

1. Die Definitionen von Humus und dessen Prozesse

Neben dem Brockhaus-Lexikon erklärt auch das französische Fachlexikon „Memento de l´Agriculture“ für tropische und subtropische Landwirtschaft, dass nur aus organischer Masse pflanzlicher und tierischer Herkunft durch Umsetzungen von Mikroorganismen Humus entsteht. Dieses zugeführte organische Material mineralisiert sich zu 60-70%, während der Rest sich zu Dauerhumus verwandelt, welcher sich im jährlichen Rhythmus um 1,5-2% abbaut. Die in der biologisch-dynamischen Landwirtschaft und im biologisch-dynamischen Gartenbau verwendeten Kompost- und Mistpräparate werden nach R. Steiner (1861-1925) zu Humus. Dieser wird nicht gleich zu Nährhumus aufgebaut, sondern steht in Form von Dauerhumus zur Verfügung. Eine wahre Bodenbelebung und Dauerfruchtbarkeit kann durch diese Wirtschaftsform erreicht werden. Vertreter dieser Ansicht, um einige zu nennen, sind Ehrenfried Pfeiffer, Alexander Podolinsky und Maria Thun. Durch diese Praktiken entsteht ein stabiler, neutraler und kolloidaler Humuszustand. Positive Ergebnisse dieser Philosophie sind mittlerweile bewiesen.

Vor allem gegenüber der konventionellen Lehrmeinung vertritt Herwig Pommeresche (Humussphäre, 2004) eine völlig andere Ansicht. Er stellt bei Humus die Frage: „Humus, ein Stoff oder ein System?“ Für ihn steht der Kreislauf der Substanzen im Mittelpunkt und er fügt hinzu, dass Humus eine Art von lebender Verdauung für die Pflanze darstellt und der Humusboden gleichzeitig eine „Vorratskammer von lebendiger Nahrung in den Zeiten der Vegetationsperiode, in der die Pflanze mangels Wärme, Wasser und Sonne nicht wachsen kann“, ist. In diesem Kontext sollen noch die Erklärungen und Begriffe über Humus von Hans Peter Rusch die Begriffserklärung ergänzen. Sein Werk Bodenfruchtbarkeit, eine Studie biologischen Denkens (1968/2004), ein Klassiker der Bodenwirtschaft, hat für die heutige Zeit eine besondere Bedeutung. Der Humanmediziner Rusch verfolgte nicht nur als Arzt einen ganzheitlichen Ansatz, sondern galt auch als Heiler unserer weltweit in Mitleidenschaft gebrachten Böden. Der Begriff Humus, so Rusch, soll ausdrücken, wie sich der Boden biologischfunktionell verhält.

Wir möchten nun das Verständnis von organischer Substanz – Nährhumus – Dauerhumus mit Hilfe des Praxisbuches Kompostierung von Gerald Dunst (1997) verständlicher darstellen. Dunst erklärt den Humuskreislauf im Boden, indem er selbst zitiert: „Humus ist eine vielfältige Lebensgemeinschaft von tätigen Organismen mit ihren eiweißhaltigen Zellen, ihren Nahrungsstoffen und Stoffwechselprodukten, ihren Hormonen, Auxinen, Antibiotika und mehr oder minder erforschten Wirkstoffen. Humus bildet sich aus abgebauten Pflanzen und Tierkörpern. Dem Abbau folgt ein Aufbau von Humussubstanzen, die dann schließlich belebt werden von Wurzelsymbionten. Unsere Kulturpflanzen und Anbaumethoden sind größtenteils humuszehrend. So muss auch die Humusbildung intensiviert werden.“ Grundsätzlich versuchten wir dieser Schilderung in den verschiedenen Artikelserien nachzukommen, u.a. durch den Hinweis auf die „reduzierte Bodenbearbeitung“.

2. Der Humuskreislauf im Boden

Wir fanden die Aussagen in Dunsts grundlegenden Büchlein so passend, dass wir sie an unsere LeserInnen weitergeben möchten. Die Abbildung 1 illustriert den Abbau organischer Substanz wie Stallmist, Stroh, Laub, Wurzelrückstände, Gründüngung und Mulch, welche durch Mikroorganismen in Bausteine wie CO2, NH3, H2O, Mg, Ca, Pyridin, Sacch. und Aminosäuren zerlegt werden.

Die zweite Abbildung veranschaulicht, wie sich die einzelnen Bausteine durch eine Gruppe von Mikroorganismen zu einem Teil des Humuskreislaufes, nämlich zuerst zu Nährhumus, aufbauen. Hier entsteht nach dem Abbau der erste Aufbau. Diese zweite Gruppe von Mikroorganismen beschreibt Dunst als sehr empfindliche, welche nur bei optimalen Bedingungen wie Luft, Wärme und Feuchtigkeit arbeiten können. Sind diese Bedingungen nicht vorhanden, wandern die Nährstoff-Ionen in die Bodenlösung, was nun zu einer „Zwangsernährung der Kulturpflanze“ führt.

Um den optimalen Kreislauf zu schließen, bedarf es einer dritten Gruppe von Mikroorganismen, welche aus dem Nährhumus die Nährstoffe für die Pflanze bereitstellen (Abbildung 3). Dunst spricht in diesem Zusammenhang davon, dass Pflanzenwurzeln Informationen aussenden, die die Nährstoff-Freisetzung bestimmen. Somit ordnet die Pflanze in einem gut mit Humus versorgten und belebten Boden an, wie sie ernährt werden will. Und wir glauben, den Pflanzen stets die Menge an Nährstoffen zufließen zu lassen (mit der Kunstdüngung natürlich?!), die sie benötigt. Weiter schreibt Dunst, dass die Natur mit dem sehr leicht löslichen Stickstoff richtig umgeht, indem sie ihn an Humus bindet, um nicht ausgewaschen zu werden, ihn jedoch der Pflanze auf „Abruf“ jederzeit zur Verfügung stellt.

Abgeschlossen ist der Humuskreislauf erst, nachdem Dauerhumus gebildet wurde. „Immer dann, wenn dem Nährhumus nicht gleich viele Nährstoffe entzogen werden, wie durch die humusaufbauenden Mikroorganismen (zweite Gruppe) angelagert wird, wächst dieser „Nährhumus“ zu einem „immer komplizierter werdenden Gebilde an“, so Dunst.

Es werden zusätzlich Tonminerale bzw. Phosphor – z.T. durch die Regenwurmtätigkeit – eingebaut, was schließlich zum Ton-Humuskomplex oder Phosphor-Humuskomplex, d.h.  Dauerhumus, führt. Auch Dunst schlussfolgert, dass Humus kein starres Gebilde im Boden ist, sondern ein „Lebewesen“, welches ständigen Veränderungen ausgesetzt ist. Der Autor spricht nicht von Nähr- und Dauerhumus, sondern „nur“ von einem riesigen Humuskomplex mit unzähligen Funktionen und Wirkungen im Boden.

3. Die Bedeutung des inerten Kohlenstoffes in der Humuswirtschaft

Dieser Abschnitt passt gut zu den Ergänzungen der Humuswirtschaft, denn mit der Verwendung von Biokohle kann es für eine Reihe von Problemen für unsere Mutter Erde Lösungsansätze geben. Auch bei der Nutzung von Kompost, Bokashi, Stallmistbereitung, eventuell bei Gülle und Jauche, bei Gründüngung und Mulch bzw. Flächenkompost sowie bei der reduzierten Bodenbearbeitung wäre die Integration von Biokohle bedenkenswert. Darin sieht auch Dr. Haiko Pieplow eine Chance für eine nachhaltige Nutzung durch regionales Stoffstrommanagement (Humus Symposium 2009 in der Ökoregion Kaindorf/Österreich).

Historisches bezüglich Biokohleverwendung = Terra Preta

Es ist wie ein Wunder, mitten in der „grünen Hölle“ des Amazonasbeckens in regelmäßigen Abständen Flächen fruchtbarster Erde von 1-300 ha zu finden. Diese Schwarzerde nennt man in der portugiesischen Sprache Terra Preta oder Terra Preta de Indio. In der Tat sind diese Flächen von vor 7000 bis vor 500 Jahren, dem Zeitpunkt, an dem die Spanier den Kontinent entdeckten, entstanden. Offenbar war das Amazonasgebiet zu Zeit der Entdeckung eine dicht besiedelte Zone. Dies war nur dank einer anthropogenen Bodenherstellung, einer nachhaltigen und produktiven Wirtschaftsweise möglich. Diese Böden entstanden mit Hilfe von organischen Abfällen – darunter nachweisbar auch Fischgräten, Tierknochen, Haushaltsabfälle, Fäkalien sowie ca. 10% Holzkohle (organischer Kohlenstoff). Trotz ungünstiger natürlicher Bedingungen führte diese Wirtschaftsweise zu Humusbildung im tropischen Regenwald, denn bei über 2.000 mm Niederschlag und Temperaturen von über 25 Grad C kann sich sonst kaum Humus bilden. Trotzdem ist es der damaligen Urbevölkerung gelungen, fruchtbare Böden zu schaffen, die wir heute als Terra Preta bezeichnen.

Hätten sich die Spanier seinerzeit statt Kriege um Gold und Silber zu führen, für diese Technik interessiert bzw. diese in ihrem iberischen Mutterland eingeführt, könnte das heute ein Paradies sein. Mittlerweile sind ähnliche Beispiele der menschen-gemachten Schwarzerde auch aus China, Süd- und Westafrika bekannt geworden.

Nachdem es, um eine gute Sache zu tun, selten zu früh und nie zu spät ist, können wir (nach 500 Jahren) die Arbeit beginnen. So sieht Dr. Haiko Pieplow in der Zuhilfenahme der Biokohle einen Klimaschutz und eine Steigerung der Ressourceneffizienz. Damit verbunden sollen Anpassungsstrategien entwickelt werden, mit denen „Kohlenstoff im Oberboden gespeichert, Humus aufgebaut und die Flächenproduktivität gesteigert werden kann“ (siehe auch EMJournal 29). In seinen interessanten Ausführungen erwähnt Pieplow auch Joachim Böttcher von der areal-GmbH und die Forschungsergebnisse von Pflanzenkläranlagen und nachhaltigen Wassermanagementsystemen aufgrund der Wiederentdeckung von Terra Preta. Beachtung verdient an dieser Stelle das Delinat-Institut für Ökologie und Klimafarming, Arbaz/Schweiz. Nach Hans Peter Schneider ist das Klimafarming ein sehr komplexes Thema. „Es handelt sich um ein ökologisches, nachhaltiges Gesamtkonzept für die Landwirtschaft, deren künftige Rolle sich nicht mehr nur auf die Produktion von Nahrungsmitteln beschränkt, sondern zu deren Aufgaben ebenso die Biodiversität, der Klimaschutz, die Energieerzeugung und die Landschaftsgestaltung zählen werden.“

Um z.B. die Biodiversität gezielt zu fördern, stellt das Institut folgende Bedingungen:

  • Verzicht auf den Einsatz von Mineraldünger, Gülle und anderen Düngerkonzentraten. Mist sollte vor der Verwendung kompostiert werden.
  • Verzicht auf jede Art von Pestiziden, inkl. Fungiziden, auch Schwefelpräparaten
  • Düngung mit aktiven Komposten und Biokohle- Mischungen
  • Verzicht auf die Verwendung schwerer Landmaschinen und Vermeidung von tiefgründiger Bodenbearbeitung.
  • Anlage von dauerhaften, artenreichen Bodenbedeckungen in Form von Mischkulturen und Gründüngung, Beachtung von sinnvollen Fruchtfolgen.

Das Institut vertritt die Auffassung, dass – ohne Einbußen an Produktivität und geforderter Biodiversität – Klimafarmen neben dem Anbau von Hauptkulturen zu Energieproduzenten und Karbonsequestrierern werden. Schließlich sehen die Wissenschaftler bei der Verwendung von Biokohle keine Wunderwaffe gegen die CO2-Emmissionen, wohl könnte sie (die Biokohle) für eine Reihe von Problemen durchgreifende Lösungsansätze bringen. Geschehen wird dies allerdings erst, „wenn die Biokohleerzeugung und -nutzung sich in ein agronomisches, bioenergetisches und ökologisches Gesamtkonzept eingliedert.“ Dies ist ein solch neuer und wichtiger Aspekt, dass wir bei zukünftigen Themen die Biokohleintegration entsprechend einfügen. Unter anderem werden wir uns mit der eigenen Herstellung von Biokohle beschäftigen. Davon abgesehen ist zu hoffen, dass die EM-Vertretungen in Europa auch Biokohle zu angepassten Preisen anbieten.

Dr. Manfred Kriegl und Heidi Rudolph

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.