Unser Abwasser enthält zahlreiche Schad- und Schwebstoffe. Würde es ungefiltert in ein Gewässer gelangen, wäre es schädlich für die Trinkwasserversorgung sowie für die im Wasser lebenden Organismen. Daher fließt das Abwasser unterirdisch durch die Kanalisation in eine Kläranlage, in der es auf eine professionelle Art und Weise gereinigt wird, bevor es erneut in den natürlichen Kreislauf des Wassers gelangt.

Die Kläranlage der Stadt Norden in Ostfriesland sorgt mithilfe von mechanischen, biologischen und chemischen Prozessen für eine Reinigung von 6.500 Kubikmetern Abwasser pro Tag.
Es begann im Juni 2019: Ein Holger Lind aus der Stadt Norden war am Telefon. Seine Frau und er selbst sind daheim begeisterte EM- und Bokashi-Anwender. Da er mein Video zum EM-Einsatz in Kleinkläranlagen gesehen hat, interessierte ihn, ob das auch bei einer großen Stadtkläranlage für gut 60.000 Einwohner funktionieren würde. Solche wohlgemeinten Anrufe bekommt ein EM-Berater täglich: „Können Sie dem Stinkebauern in unserem Ort EM beibringen? Der verseuchte Boden der alten Fabrik könnte doch mit EM saniert werden? Unsere versauerten Bergbauseen könnte man sicher mit EM reinigen?“
Das sind gute Anregungen, aber geht man von außerhalb mit der EM-Technologie auf eine Behörde oder einen Betrieb zu, hat das selten Erfolg, die Überzeugungshürden sind hoch. Also bemerkte ich nur kurz zu Herrn Lind: „Wenn Sie nicht der Chef der Kläranlage sind, hat das keine Chance.“ Seine Antwort war: „Ja, der bin ich.“
Da stand ich nun. Jetzt hieß es, eine konkrete Strategie zu erarbeiten, erfolgreiche vergleichbare EM-Großkläranlagen zu finden sowie Dosierungen und Anwendungen auszuarbeiten: welches Produkt, wie viel, an welcher Stelle, zu welchen Kosten? Orientieren konnte ich mich unter anderem an Ken Bellamy, einem australischen EM-Unternehmer, der bereits 1999 erfolgreich Abwassergerüche einer 70.000 Einwohner-Stadt mit Zuckerfabrik durch sein Spezial-EM eliminiert hat. Aber versuchen Sie mal, aus ungenauen australischen Mengenangaben für EM – hier in ppm, dort 1:4 verdünnt, dann ml pro Stunde oder pro Tag mit fehlender Durchflussrate – eine allgemein gültige Dosierempfehlung zu entwickeln…! Glücklicherweise ist Exotische-Einheiten-Umrechnen eines meiner Hobbies.
Für die Probleme, die große Kläranlagen und Abwassernetze heutzutage haben, wird viel Chemie und Technologie eingesetzt, statt sie mit gesteuerter Mikrobiologie zu lösen.
Durch die höhere Konzentration von Nährstoffen und Chemie neigt das heutige Abwasser mehr zu Fäulnis und stinkt häufig nach kurzer Laufzeit aus den Rohren. Schwefelwasserstoff und Ammoniak zerfressen innerhalb weniger Jahre den Spezialbeton und die robusteste Edelstahltechnik. Kilometerlange Druckleitungen mit geringem Radius werden schnell sauerstoffarm und belästigen mit ihrem Geruch am Auslauf ganze Wohngebiete. Das ist häufig Anlass für Beschwerden und Klagen, es muss zügig gehandelt werden. Gegen die Gerüche werden Chemiedosierstationen aufgestellt und dauerhaft mit Eisenchlorid, Aluminiumverbindungen, Nitrat und verschiedensten Spezialmischungen beschickt. Aber selbst die aggressivste Chemie kann versagen – wie ich beispielsweise im Sommer am Dresdner Zwinger oder bei Regen in der Schweriner Altstadt riechen durfte.
Mein Plan war schnell klar: eine konstante, dauerhafte Dosierung von drei bis fünf Liter EM je 100 m³ Abwasser – eingebracht an einem möglichst frühen Punkt des Kanalnetzes, außerdem vor Druckrohrleitungen und nochmal direkt beim Einlauf in die Kläranlage.

Holger Lind (links), Leitung Klärwerk Norden, und Marko Heckel, TriaTerra, auf dem Betriebsgelände in Ostfriesland vor Containern mit EM.
2019 startete Holger Lind mit der größten der sechs Chemiedosierstationen vor einer Druckleitung. Nach etwa drei Monaten und erfolgreicher Umstellung der Mikrobiologie wurde die EM-Menge langsam reduziert auf 0,5 bis 1,5 Liter je 100 m³. Alle paar Sekunden wurde mit einer Spezialpumpe ein Spritzer versprüht – zunächst noch parallel zu der Chemie und nach wenigen Monaten ausschließlich EM. Gut zwei Monate später stellten sich die ersten Erfolge ein: Der unangenehme Geruch war weg. Die Sielhaut – eine zentimeterdicke Bakterienschicht an der Innenseite der Rohre – löste und erneuerte sich und kam fladenweise in der Kläranlage an. In einer Abwasserrinne in der Kläranlage bemerkte ein Mitarbeiter, dass sich eine viele Jahre alte Fettbeule rötlich verfärbte. Er nahm einen Schrubber, stupste die Fettbeule nur einmal an, woraufhin sie sich plötzlich auflöste und munter in die Kläranlage weiterfloss.
Eine Überraschung war ein grauer Grieß, der eine Zeitlang im Sandfang der Kläranlage auftauchte. Der graue Grieß stellte sich nach einer Analyse als Kalkablagerung heraus, die sich wohl nach Jahrzehnten aus den Abwasserrohren löste und abgeschwemmt wurde. Eine Kalkablösung wird bei EM-Keramikeinsatz in normalen Wasserleitungen des Öfteren beobachtet.
Heute werden in dieser Hauptstation noch lediglich 20 Liter EM pro Tag dosiert, also circa 1,3 Liter EM je 100 m³ Abwasser. Eine weitere Absenkung war nicht möglich, weil die Gerüche zurückkamen. Nach diesen Erfolgen wurden alle sechs Dosierstationen in Norden auf EM umgestellt und eine weitere Station mit 10 Litern täglich direkt am großen Kläranlageneinlauf im Rechenhaus zugeschaltet.
Im gesamten Kanalnetz der Stadt Norden wird dank EM heute keinerlei Chemie mehr eingesetzt. Gerüche gibt es nicht mehr, auch nicht bei Wetterumstellung oder im Hochsommer. Fettablagerungen sind Geschichte, selbst die Rührwerke, die in den Pumpstationen die Fettschicht aufschlagen, können abgeschaltet werden. Die Kosten der Kanalreinigung haben sich mindestens halbiert, die Rohre und Schächte faulen nicht mehr weg und selbst in der Kläranlage riecht es nicht nach Fäulnis, sondern ausschließlich nach frischem Abwasser.
Warum nutzen nicht mehr Klärwerke EM?
Die EM-Vermehrung braucht Ruhe, Sorgfalt und Liebe. Kaum eine Kläranlage hat die Mitarbeiter und/oder die Bereitschaft, EM selbst zu vermehren, also kommt ein EM-Fertigprodukt zum Einsatz. Geduld und kontinuierliche Anwendung sind gefragt: Es kann durchaus drei Monate dauern, bis die Mikrobiologie einer Abwasserleitung von Fäulnis in eine gewünschte positive milchsaure Fermentation wechselt. Ein Problem könnte allerdings auch die Denkweise und Ausbildung der Abwassertechniker sein. Wie Gerold Hartger, Klärwerksmeister in Emlichheim, berichtet, hat er in seiner Ausbildung und Arbeit ausschließlich Chemie-Chemie-Chemie gelernt. Dass eine Beeinflussung der mikrobiellen Ökologie mit EM so gut und günstig funktioniert, hätte er sich nie vorstellen können.

Abwassermeister Gerold Hartger zeigt die EM-Station beim Wasser- und Abwasser-Zweckverband Niedergrafschaft.

Auch in der Pumpstation des Wasser- und Abwasser-Zweckverbands Niedergrafschaft kommen EM zum Einsatz: Unter dem Rost der Dosierstation läuft das Wasser. In dem schmalen, braun gefüllten Schlauch, der quer durch das Bild läuft, befinden sich EM. Mit jedem Pumpenhub werden einige Milliliter EM in das Wasser gegeben.
Die Wissenschaft über EM
Über die vielfältigen positiven Effekte von EM, die weit über die Erfolge in der Klärschlammbehandlung reichen, gibt es mittlerweile einige wissenschaftliche Arbeiten. Verschaffen Sie sich hier gerne einen Überblick.
Nur weil sein erfahrener Mitarbeiter Gerd List unermüdlich auf EM gedrängt hat, hat er es auf einen Versuch ankommen lassen und ist ihm jetzt für seine Hartnäckigkeit dankbar. Gerd List setzt bereits seit vielen Jahren EM ein, er vermehrt es für seine Schafe, für eine 1.000-Einwohner-Teichkläranlage und natürlich für seinen eigenen Gebrauch. Regelmäßig war Gerd mit schwierigsten Fragen am Telefon und wollte es ganz genau wissen. Seit Mitte 2022 betreibt Emlichheim eine 15-km-Druckrohrleitung mit 25 cm Durchmesser und 1.000 m³ Abwasser am Tag mit 20 Litern EM täglich in kontinuierlicher
Dosierung. Gerold Hartger wollte schon fast aufgeben, denn erst nach drei Monaten kam der Durchbruch. Von einem Tag auf den anderen roch es nicht mehr faulig.
Heute schwärmt Gerold Hartger: „Das Abwasser wird besser und besser, der Geruch ist komplett weg, das Abwasser kommt so frisch aus der Druckleitung, wie es reinkommt. Zuerst wurde noch Chemie dazu dosiert, aber seit vielen Monaten mit wachsendem Vertrauen nur noch EM. Zigtausende Liter Eisenchloridsulfat wurden bereits eingespart.“
Da haben wir dann auch das Wichtigste für eine erfolgreiche EM-Anwendung in Großkläranlagen und Abwassernetzen: Klärwerksmeister und Mitarbeiter, die überzeugt von EM sind und die Wirkung verstanden haben. Bei einem Betriebsbesuch im Dezember 2022 im Klärwerk Norden begegnete uns ein Chemievertreter und wir nahmen ihn mit zur Besichtigung. Er rief erstaunt: „Das ist ja eine von meinen Stationen. Stinken tut‘s gar nicht mehr!“, gab er zu: „Nicht mal, wenn man den Deckel aufmacht.“ Er hatte diese Chemiestation vor einigen Jahren geplant und gebaut, sie konnte unverändert für den EM-Einsatz übernommen werden.
Autor:
Marko Heckel,
EM-Experte / TriaTerra
