„Dreck“

dreck

Ein Buch über den Boden, den wir buchstäblich unter unseren Füßen verlieren.

Der Boden ist der bedeutendste Teil der belebten obersten Erdkruste. Er gehört zu den natürlichen Rohstoffen, mit denen am meisten Raubbau betrieben wurde und immer noch betrieben wird. Dabei ist der Boden für das Leben auf diesem Planeten unverzichtbar, die wichtigste Ressource für uns alle. Der amerikanische Geologe David R. Montgomery beschreibt in seinem jüngst im Münchener oekom Verlag auf Deutsch erschienenen Buch „Dreck – Warum unsere Zivilisation den Boden unter den Füßen verliert“, wie es heute um den Boden bestellt ist. Durch industrialisierte Landwirtschaft, Verstädterung und eine unökologische Infrastrukturplanung wird der Erdboden deutlich schneller verbraucht, als er sich neu bilden kann – weltweit wird er tagtäglich weniger. Der Umgang mit der Ressource Boden war und ist jedoch von entscheidender Bedeutung für die Überlebensfähigkeit einer Gesellschaft. Die Geschichte hat vielfach gezeigt, dass der Verlust an produktivem Boden zum Niedergang ganzer Kulturen führte.

Von Mesopotamien über Ägypten, die Antike, das europäische Mittelalter, die „Dustbowl“ im amerikanischen Mittleren Westen der 1930er Jahre bis in die Gegenwart hinein verfolgt Montgomery die Wechselwirkungen zwischen dem Umgang mit fruchtbarem Boden und der gesellschaftlichen Entwicklung. Er beleuchtet auf eingängige Weise historische und gesellschaftspolitische Zusammenhänge und deren enge Verbindung mit der Bewirtschaftung des Bodens, der über alle Epochen essenzielle Bedeutung als Grundlage für die Ernährung der Menschheit hatte. Dabei ist „Dreck“ keineswegs trockene Lektüre, wie der Titel vermuten lassen könnte. Auf sehr spannende und außerordentlich informative Weise beleuchtet der Autor Fakten aus Archäologie, Geologie und Kulturgeschichte. Dabei zeigt er auf, welchen elementaren Einfluss der Umgang des Menschen mit dem fruchtbaren Erdboden für die Zukunft der Zivilisation hat. Und er macht deutlich, warum der Boden nicht wie der „letzte Dreck“ behandelt werden darf. Zu den wenigen positiven Beispielen in der Geschichte gehören die menschgemachten, reichen Schwarzerden, die Montgomery am Beispiel der Terra Preta im Amazonasbecken vorstellt. Montgomery lässt die Leser aber nicht mit ihrer Betroffenheit zurück; er beleuchtet auch die Alternativen für einen zukunftsfähigen Umgang mit dem fruchtbaren Dreck, an vorderster Front die pfluglose Bodenbearbeitung, aber auch anderes ökologisches Landwirtschaften sowie alternative urbane Gartenbewegungen. Es liegt also in unserer Hand, die täglich dünner werdende Haut unseres Planeten durch nachhaltiges Wirtschaften auch für zukünftige Generationen zu bewahren. Mit großer Sorgfalt zeigt Montgomery auf, welche chemischen und physikalischen Auswirkungen eine falsche Behandlung des Bodens hat, nämlich den unwiederbringlichen Verlust von Ackerfläche. Den anderen riesigen und wie wir seit den Arbeiten Prof. Higas wissen, so wesentlichen Bereich der kleinsten Bodenlebewesen berührt er lediglich am Rande. Bedauerlicherweise gibt es in der deutschen Ausgabe kein Stichwortverzeichnis, anders als im amerikanischen Original. Sucht man dort nach dem Begriff „Mikroorganismen“ wird man bitter enttäuscht: Es gibt wenige magere Hinweise. Dabei hat Prof. Higa in seinen Büchern zur Genüge gezeigt, welche bedeutende Rolle die entsprechenden Mikroorganismen bei der Verhinderung von Erosion und vor allem beim Aufbau von neuem Boden haben.

Bei einem solch fundierten und akribisch begründeten Standartwerk wie „Dreck“ liegt es sicher nicht am guten Willen, sondern daran, dass nach wie vor nur ein sehr kleiner Teil der riesigen Zahl von Mikroorganismen wissenschaftlich beschrieben ist und eine Gesamtsicht wie sie Prof. Higa vorschlägt, im traditionellen wissenschaftlichen Kanon schlichtweg noch nicht existiert. Umso wichtiger ist es, dass die EM-Technologie und die Forschungen von Prof. Higa endlich in Schulen und Universitäten bekannt werden, damit Mikroorganismen als fehlendes Puzzlesteinchen ihre Rolle bei den Lösungen für den Erhalt des Bodens zukünftig spielen können, der schließlich das Fundament allen Lebens ist. Alles in allem ist „Dreck“ ein äußerst lesenswertes und lehrreiches Buch, das zudem spannend und unterhaltsam geschrieben ist.

Pit Mau

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