Die Hamburger Bahnhofstoilette als ökologischer Leuchtturm

Vor zwei Jahren baten wir Marko Heckel und Haiko Pieplow, eine kleine Geschichte der Toilette für uns zusammenzustellen (EMJournal 36/37). Die Entdeckung der Terra Preta hatte das Interesse besonders auf das Thema gelenkt, das aber eigentlich lange überfällig war, nämlich: wie gehen wir in der „zivilisierten“ Welt mit den menschlichen Stoffwechselprodukten um?

Peter-Nils Grönwall vor der Eingangstreppe zu der Bahnhofstoilette am Hamburger Hauptbahnhof

In Hamburg wird seit 15 Jahren äußerst konsequent und sehr ganzheitlich an diesem Thema gearbeitet. Peter-Nils Grönwall, bei der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt zuständig für den Gewässerschutz, hat am Hauptbahnhof der Hansestadt ein weltweit einzigartiges Pilotprojekt geschaffen, über das schon vielfach berichtet wurde, und das erste Nachahmer findet: Die Stoffkreisläufe in öffentlichen Toiletten zu schließen.

Trinkwasser für unsere Fäkalien

Ausgangspunkt war für ihn, als ihm Ende der 90er Jahre die Verantwortung für Hamburgs öffentliche Toiletten übertragen wurde, der Wasserverbrauch. Damals gingen bei jedem Toilettengang in der Regel 9 Liter gutes Trinkwasser drauf, was dann mit 6l-Spülkästen um ein Drittel gesenkt werden konnte. In Zusammenarbeit mit den Herstellern sind in der Hamburger Bahnhofstoilette nun perfekt funktionierende 3,5 l Spülbecken installiert worden, die den Verbrauch wieder um fast ein weiteres Drittel senken. Damit aber nicht genug: Grönwalls Ziel ist ein möglichst geschlossener Kreislauf. Das benutzte Wasser soll gereinigt und wieder genutzt werden. Unser Abwassersystem funktioniert aber anders. Alle häuslichen, kommunalen und industriellen Abwässer werden vermischt und in den Kläranlagen mühsam und teuer aufbereitet.

Heraus kommen Schwermetall und anderweitig belastete Klärschlämme sowie Medikamenten belastetes Wasser, das in Flüsse und das Meer entlassen werden, wo diese wiederum langfristige Schäden verursachen. Es ist hinlänglich bekannt, dass die Probleme der Abwässer entstehen, wenn Urin und Fäkalien zusammenkommen. Es kommt schnell zu Fäulnisprozessen, die nicht nur gen Himmel stinken, sondern auch gesundheitliche Probleme schaffen. Auch in der modernen Landwirtschaft entstehen Probleme, weil Kot und Urin zusammen als Gülle gelagert werden, anders als auf den Höfen noch Mist und Jauche getrennt wurden. Konsequent wird in der Hamburger Toilettenanlage getrennt: Alle Urinale werden wasserlos betrieben, nur zur Reinigung ist eine kleine Menge Wasser vonnöten. Eine einfaches Ventil verschließt den Abfluss sicher, so dass hier tatsächlich nichts von dem berüchtigten Geruch herkömmlicher Urinale bemerkbar ist.

Der Urin fließt ungemischt direkt in entsprechende Tanks. Aber was ist mit den Toiletten? Wie kriegt man die Menschen dazu, dass feste und flüssige Stoffe getrennt entsorgt werden können – wie es ja eigentlich von der Natur vor gesehen ist? – Gar nicht. Grönwall ist Realist und hat deswegen ein ausgeklügeltes System entwickelt. Die mit relativ wenig Wasser gespülten Materialien werden durch schlankere Rohre (80 statt 100mm), die zum Teil transparent sind, geleitet. Dadurch bleiben sie nicht in den Rohren liegen, sondern fließen zügig durch, bis sie kurz darauf getrennt werden. Während die festen Bestandteile in eine Tonne fallen, fließt das verschmutzte Wasser weiter, um in einer 2-stufigen biologischen Klärstufe soweit gereinigt zu werden, dass es wieder zum Spülen genutzt werden kann. Zum Schluss ist es so sauber, dass es annähernd Trinkwasserqualität hat!

Bei den Feststoffen kommt EM ins Spiel

Spannend ist auch die Behandlung der Fäkalien. Die 60 Liter Tonne, in die sie fallen, steht auf einer Waage. Bei jeder Zunahme von ca. 300g wird eine Zugabe von Pflanzenkohle-Grus ausgelöst und gleichzeitig eine Gabe EM, so dass an dieser Stelle ein Terra Preta Substrat begonnen wird, in dem die Mikroorganismen gleich mit der Fermentation der organischen Bestandteile loslegen können und es sich in der großen Oberfläche der Kohle gemütlich machen. In etwa einer Woche werden zwei dieser Tonnen gefüllt, verschlossen und von Mitarbeitern der TU Harburg abgeholt, die sie fachgerecht lagern und das Projekt wissenschaftlich begleiten. Schließlich wird dieses Material auf Kompostplätze gebracht, wo die Tonnen geleert werden und der Prozess der Vererdung weitergeführt wird. Von dort geht er als Dünger auf Grünflächen und Friedhöfe zur Bodenverbesserung und den Humusaufbau.

Alles sind Wertstoffe

Zurück zum Urin. Anders als im Kot, in dem neben großen Mengen Mikroorganismen nur wenige Nährstoffe vorhanden sind, ist der Urin geradezu eine Nährstoffbombe. Er enthält u.a. Stickstoff und Phosphat, zwei wesentliche Komponenten der Pflanzenernährung. Künstlich hergestellter Stickstoff ist extrem energieaufwändig, die Phosphatvorräte der Erde gehen in naher Zukunft unwiederbringlich zu Ende. Es ist also nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern bald auch ökonomisch notwendig, auf diese Ressource zurückzugreifen. Folgerichtig werden in Hamburg aus den Urin-Tanks diese Wertstoffe herausgefiltert, nachdem die Schadstoffe daraus entfernt worden sind. Dieser hochwertige Dünger hat gegenwärtig immerhin einen Wert von ca. 35,- Euro pro kg. Nils-Peter Grönwall, der selbst schon viele Jahre in Haus und Garten EM einsetzt, bleibt aber nicht auf halber Strecke stecken. Konsequent verfolgt er die Ressourcennutzung und -schonung. Deshalb wird, wo irgend möglich Kalt- statt Warmwasser genutzt und alle Lampen sind mit Strom sparenden LEDs bestückt. Ebenso versucht er, auf Pumpen zu verzichten, so dass fast alle anfallenden menschlichen Produkte allein durch die Schwerkraft bewegt werden. Hier wird deutlich, dass für Peter-Nils Grönwall der ökonomische Aspekt unbedingt dazu gehört – sonst hätte er die Unterstützung der Hamburger Behörden über so viele Jahre sicher nicht bekommen. Ständig sucht er nach den besten, aber gleichzeitig preisgünstigsten Komponenten. Denn er weiß, sein Projekt hat keine Zukunft, wenn es zu teuer ist. Sein ganzheitlicher Blick geht nämlich auch in die 3. Welt, wo ca. 2,6 Milliarden Menschen keinen Zugang zu Toiletten haben und wahrscheinlich mindestens ebenso viele keinen Zugang zu sauberem Wasser. Da könnte ein Projekt wie dieses mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen.

Ausblick

Nun würde man annehmen, dass Kommunen Schlange stehen, um dieses Projekt zu übernehmen. Dem ist aber leider nicht so; auch wenn die Presse äußerst positiv darüber berichtet, tun sich öffentliche Stellen schwer. Dennoch steht er nicht allein. So tauscht er mit dem renommierten Schweizer Wasserforschungsinstitut EAWAG sein Wissen aus und der Botanische Garten in Berlin setzt mit dem Projekt Terra Boga ganz konkret auf das ökologische Management von Stoffkreisläufen. Peter-Nils Grönwalls wegweisendes Projekt steht Pate. In diesem Sommer erreicht er das Pensionsalter. Man kann sich sicher sein, dass die Zeit danach auf keinen Fall ein Ruhe-Stand werden wird. Wir freuen uns darauf.

Pit Mau

Lesetipp: Siehe auch „Eine kleine Geschichte der Toilette“ im EMJournal 36 / 37.

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