Temple of the Holy Shit

„Usine du trésoir noir“ – links der „Tempel“ mit den beiden Toiletten, in der Mitte die Fermentationskammer und rechts die Kompostierungsbehälter

Künstlerisches Terra Preta Projekt in Brüssel

Als Terra Preta und seine Geschichte vor einigen Jahren bei uns bekannt wurde, faszinierte auch die Erkenntnis, dass die Indios am Amazonas ihre eigenen Fäkalien zur Erzeugung dieser höchst fruchtbaren Erde mitgenutzt hatten. 2011 erinnerten wir im EMJournal 37 an die visionären Ausarbeitungen des Wiener Künstlers Friedensreich Hundertwasser, der ein großer Verfechter der Humustoilette war. Seine programmatische Schrift „Scheißkultur – die heilige Scheiße“ (1978) schließt mit dem Satz: „Der Humusgeruch ist der Geruch Gottes, der Geruch der Wiederauferstehung, der Geruch der Unsterblichkeit.“

Da wundert es nicht, wenn sich heute, wo es hunderte von Initiativen gibt, die sich mit der Erzeugung von Terra Preta in Europa beschäftigen, auch KünstlerInnen damit beschäftigen. Im EMJournal 43 berichteten wir über die in Berlin ansässige japanische Künstlerin Ayumi Matsuzaka, die bei der Mitgliederversammlung 2013 in Husum einen ausgebuchten, spannenden Workshop zu dem Thema durchführte.

Im Sommer 2014 fand nun in Brüssel ein Projekt statt, das diese Idee künstlerisch in die Praxis umsetzte. Der ursprüngliche poetisch-symbolische Titel des Projekts „Temple of the Holy Shit“ wurde gleich zu Anfang aus Rücksichtnahme auf die muslimischen Gemeinde in der Nachbarschaft ergänzt durch den Titel ‘Usine du trésor noir’, „Fabrik des Schwarzen Goldes“.

Das Projekt des KünstlerInnen Kollektivs COLLECTIVE DESASTER fand im Rahmen eines zweijährig stattfindenden Festivals statt, das vom Brüsseler Ministerium für Umwelt, Energie und Stadterneuerung ins Leben gerufen wurde und den Titel Parkdesign 2014 trug. Als Ort wurde ein Stück Brachland gewählt, das in einen temporären Park verwandelt wurde, in dem Methoden alternativer Stadtgestaltung ausprobiert werden sollten. „Aus der Landschaft auf den Teller“ hieß das Motto des halbjährigen Projektes, zu dem u. a. ein künstlerisch gestaltetes Bienenhaus, ein nachhaltiges Stall-Projekt für Nutztiere, einen Kleinbus für viele Aktivitäten, einen Gemüsegarten und ein Farmhaus als Treffpunkt gehörten.

Das Projekt

Temple of Holy Shit ist die Installation einer öffentlichen Trockentoilette, deren Zweck es ist, den Bio-Abfall, der vom Park und seinen Besuchern generiert wird, in fruchtbare Terra Preta-Erde zu verwandeln; diese soll dann in dem Gemüsegarten und an anderen Stellen im Park genutzt werden. Beraten wurde das Kollektiv vom Terra Preta Experten Haiko Pieplow und Ayumi Matsuzaka, die im Sommer dort auch einen Tag mit Vorträgen und Aktionen bestritten.

Der Zentralgedanke des Projekts ist die Konstruktion eines reibungslosen vollständigen Stoffkreislaufs. Obst und Gemüse aus dem Garten des Parks wird konsumiert, die Menschen gehen dort auf die Toilette, die körperlichen Ausscheidungen werden separiert, mit EM und Kohle versetzt, dann deponiert, wo sie fermentieren und schließlich in einem Vererdungsprozess zu hochwertigem Dünger gemacht werden. Der steht dem Gemüsegarten und dem ganzen Park als hochwertiger Dünger zur Verfügung.

Im Zentrum, geschützt unter einer Brücke steht der „Tempel“ erhöht auf mehreren Stufen, das Dach vorn auf „Säulen“, in distinguiertem Schwarz. An der Rückseite führen zwei Rutschen hinaus – ein Vergnügen für Kinder, die die Toiletten auf diesem Weg verlassen können. Die Stirnseite hat einen überdachten Vorsprung für öffentliche Darbietungen aller Art – Konzerte, Lesungen, Vorträge, und bringt auf diese Weise die Verrichtung der Notdurft in das Zentrum des Geschehens, nicht verschämt verdrängt wie es in unserer Kultur üblich ist. Unter dem Tempel wird Urin und Feststoff, mit EM und Kohlegrus versetzt in Tonnen gesammelt, und wenn diese gefüllt sind, über eine Schiene in den formschönen oktogonalen Fermentations- und Lagerraum gebracht, wo sie drei Monate verweilen. Von dort werden sie in die endgültigen Komposter gebracht, um innerhalb eines Jahres zu vererden. Auch andere Bioabfälle des Parks werden in diesen ansprechend angeordneten Kisten deponiert und zu Kompost umgewandelt.

Ein solches Projekt, das nach einem halben Jahr wieder entfernt wird, besteht natürlich aus preisgünstigen, einfachen und wo möglich recycelten Materialien. Daher auch die pfiffigen Konstruktionen aus Europaletten, Pressspan und groben Planken.

Ein Projekt für die Zukunft

Im Titel schon angelegt, ist die Idee, dass unsere Ausscheidungen wertvoll sind und auch so betrachtet werden sollten. Wenn sie mit Hilfe von EM und Kohle nicht mehr unangenehm riechen und auch nicht mehr gesundheitsgefährdend sind, dann können wir tatsächlich beginnen, anders damit umzugehen. Die Gewohnheiten müssen ja nicht gleich völlig umgekehrt werden (wie in Bunuels Film Das Gespenst der Freiheit). Es ist wie im Theater: Um einen Gedanken deutlich zu machen, muss man übertreiben. Das haben Collective Desaster beispielhaft gezeigt. Daher ist es auch sehr erfreulich, dass sie mit einem Geschäftsmodell auf der Basis dieses Projektes den 2. Preis des Blue Resonsibility Awards 2014 gewonnen haben.

 

Pit Mau

Kontakt: www.collectivedisaster.org

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